Zweite Kindheit
Vom diesjährigen wilden Flieder in der Langener Dornbusch-Gemarkung haben Pit und seine Frau nur ein paar traurige Restexemplare ergattern können. Und auch die Maiglöckchen-Ernte im Stadtwald und im Buchschlager Forst fiel heuer nur kärglich aus. Der Altersteilzeitler (ATZ) und seine Gattin („Frauen-Rente mit 60“) sind zum Pflücken zu spät gekommen. Das lag wohl zum einen daran, dass dem Frühling diesmal – ja, ja der Klimawandel...! – der uralte Knospentrick mindestens zwei Wochen früher als gewohnt gelang. Und zum anderen: Die „Anderen“, die Mitkonkurrenten, waren schneller, haben den verfrühten Frühling früher erkannt und dann sofort ihren Flieder-Schnitt gemacht und sich die Maiglöckchen-Sträuße zusammengerupft.
Irgendwie ärgert das den ATZler schon. Bei der nun bald fälligen Kirschen-Saison darf dergleichen einfach nicht mehr passieren. Pit & Frau patrouillieren deshalb mit Argusaugen durch die vielen, vielen aufgelassenen und aufgegebenen Schrebergärten im Langener Norden und über die seit Olims Zeiten nicht mehr bestellten Obstwiesen in der Feldflur. Das Duo kennt die dortigen, meist von Buschwerk, Heckenspalieren und Grassteppe zugewucherten Kirschbaum-Standorte, kontrolliert den Farb- und Reifegrad der Kernfrüchte und kundschaftet aus, ob sich bereits die Stare und andere interessierte Vögel im Wipfelbereich eingenistet haben. Nein, was d i e s e Ernte betrifft, ist mit Pit nicht gut Kirschen zu essen.
Wobei – das lehrt die Erfahrung – die beiden pensionierten Zweibeiner gegen die gefiederten Kirschen-Fans allerdings kaum eine Außenseiterchance haben. Besser sieht`s da im Spätsommer aus, wenn`s in die ebenfalls wild gedeihenden Äppel und Birnen geht und die Brombeeren gepflückt werden können. Bei letzteren wiederum ist der Andrang der Ernte-Interessenten größer. Da sind schon nach dem ersten Hahnenschrei die Kopftuch-Omas (oft mit Enkelchen im Schlepptau) auf der Walz und füllen ihre Henkelmänner und blechernen Milchkannen mit den schwarzen Früchten. Langschläfer Pit muss sich mit dem begnügen, was übrigbleibt und meist höher hängt. Das macht dann nicht wirklich Spaß, die Brombeeren von den eklig-dornigen Ranken abzupflücken.
Wobei es ja dabei nicht nur zu Hautverletzungen und Striemen an Armen und Händen kommt. Der Gefahren sind vielmehr viele: Mücken und Bremsen stechen überallhin. Zecken lauern. Brennnesseln brennen. Hemd, Hose und Schuhe kriegen Risse und Flecken. Pit kennt das von Kindertagen her, als er just hier in den Feldern, Fluren und Wäldern von Langen-Nord und Sprendlingen-Süd Cowboy und Indianer spielte, in der Rostadt und im Schnaingarten auf Scout und Förster machte. Mutter begrüßte den Spätheimkehrer dann immer mit einem „Mein Gott, wie siehst Du denn wieder aus!“
Doch nicht nur bei der Brombeerernte wird Pit wieder zu Klein-Peter. Seit er in der ATZ-Phase steht, erobert er sich – diesmal allerdings mit der Angeheirateten - das Revier seiner Kindheit zurück. Hat immer einen Feldstecher dabei und kleidet sich so, dass die Zecken außen vor bleiben. Weiß wieder, wo die Rehe wechseln und die Fasane ihr Quartier aufschlagen. Registriert, dass der Kuckuck pünktlich zu Frühlings Erwachen ruft. Freut sich, dass die nächste Generation von Rüttelfalken auf Jagd geht. Hört, dass die Nachtigall diesmal in einem anderen Garten schlägt als im Vorjahr. Konstatiert, dass die Spechte auch heuer wieder hämmern, die Elstern und die Tauben ihre Nester bauen, die Krähenschwärme unterwegs sind und der Reiher auf Tour ist. Sorgt sich, dass die Karnickelheere, die bis 2007 das Territorium des Bebauungsplans 18 (zwischen Nördlicher Ringstraße und Nordumgehung) bevölkerten, quasi über Nacht verschwanden und keiner so recht weiß, wohin sie gezogen sind.
Pit weiß so vieles nicht (mehr), was er vor einem halben Jahrhundert als Pfadfinder noch drauf hatte. Kann Bäume kaum bestimmen, so gut wie keine Vogelstimmen identifizieren (geschweige denn die meisten Vögel benamen). Kennt die Stellen, wo Pilze aus dem Boden schießen, aber traut sich nicht, sie einzusammeln und zuzubereiten. Denn: Würden er und seine Frau die Mahlzeit überstehen?
Zu einer VHS-Pilzwanderung, die diesbezüglich Klarheit schaffen könnte, und zu einer Vogelstimmenwanderung, die das akustische Rätselraten beenden dürfte, haben der Altersteilzeitler und die Ruheständlerin indes keine Zeit gefunden. Auch ist es IHM, der ja sozusagen seine zweite Kindheit erlebt, bis dato mitnichten gelungen, die alten Kosmos-Baumführer und die Bestimmungsbücher „Was blüht denn da?“ und „Was fliegt denn da?“ aus dem Keller zu holen. Damit er wenigstens wieder lernt, eine Akazie von einer Linde zu unterscheiden und zwischen dem Gesang einer Lerche dem Zwitschern eines Stars zu differenzieren....
Der ATZler und seine Frau wissen jedoch (noch), wie ein Wildschwein aussieht. Und ihnen ist bekannt, dass es in „ihrem“ Revier einige Rotten Schwarzkittel gibt. Doch ist Pits Kindheitswunsch, den er wirklich und wahrhaftig schon als Knirps hatte, nach einem halben Jahrhundert immer noch nicht in Erfüllung gegangen: Wenigstens in dieser zweiten Kindheit, in der es „zurück zur Natur“ geht, endlich einmal diese starken, stolzen, klugen und listigen Borstentiere von Angesicht zu Angesicht sehen, sie in freier Wildbahn beobachten, sich vielleicht vor ihnen zu fürchten.
Aber man kann ja nicht alles haben.
