Pits Blog --- der vierzehnte --- 28. Juli 2009

Der runde Geburtstag

Pit ist 60 geworden. „Ein runder Geburtstag“, jauchzen da nahezu alle, die an das Datum gedacht oder aus anderer Quelle davon erfahren haben, dass der Altersteilzeitler (ATZ) – wie sie sagen – „nullt“ oder sich „rundet“.
Aus fernmündlichen Glückwünschen und persönlichen Gratulationen hört Pit heraus:. Etliche Freunde, Kollegen, Bekannte erwarten, dass es der Jubilar zum 60. Wiegenfest mal so richtig krachen lässt. Volle Lotte wieder mal. Bis zum Sonnenaufgang die Lieder der Jugendzeit schmettern. Lecker Catering und Schampus in Strömen. Aaner geht noch. So jung kommen wir nie wieder zusammen.

Umfeld und Umwelt gestehen dem Geburtstagskind aber auch noch eine zweite kollektiv überlieferte Möglichkeit zu, den runden Geburtstag zu feiern und in die sixties zu starten. Einfach abtauchen. Sich aus dem Verkehr ziehen. Ne schöne Reise machen an einen schönen Ort und sich dort verwöhnen (lassen).

Pit hat keinen der beiden Wege eingeschlagen. Und er kennt eine ganze Reihe von Jahrgangs- und Altersgenossen, die sich am „Tag X“ wie er verhalten und weder auf den Putz hauen noch in die Ferne schweifen. Sie sind - wie Pit - ATZ’ler oder gehören einer der folgenden Spezies` an: Frühpensionäre, Vorruheständler, ausgemusterte Langzeitarbeitslose, mit Abfindungen geköderte Aussteiger, burn-out-Patienten.
Sie und Pit wissen, warum „der sechzigste“ auch nicht mehr das ist, was er mal war. Heute bedeutet dieser runde Geburtstag nämlich für sie aus dem Jahrgang 1949 das definitive Ende des Berufs-, Arbeits- und Erwerbslebens. Was sie mit dem Gros der Deutschen gemein haben – wie es die Statistik belegt: Die Beschäftigungsquote der 58- bis 63-Jährigen in der Bundesrepublik lag im August 2008 – also vor der großen Krise! – bei gerade mal 27 Prozent. Dieser Trend, deutlich vor der „Rente mit 65“ in den Ruhestand zu geraten, dürfte sich eher noch verstärken.

Für den Altersteilzeitler Pit ist der sechzigste Geburtstag auch so ein Stichtag. Als er um Mitternacht mit seiner lieben Frau ein Fläschchen aufmacht und mit dem Geschenke-Auspacken beginnt, dämmert es ihm so langsam: Mensch, Du zahlst von nun an keine Lohnsteuer mehr („ausgesteuert sein“ hieß das früher). Der Arbeitgeber, bei dem Du gut 40 Jahre lang die Brötchen verdient hast, schickt Dir nie mehr eine Gehaltsabrechnung. Vater Staat knöpft Dir nie mehr Sozialversicherungsbeiträge ab. Das Maß aller Dinge ist jetzt erstmals und für immer Dein gesetzlicher Rentenbescheid, der – unter uns – ja auch enttäuschend niedrig ausgefallen ist – gemessen an dem, was Du Dein Berufsleben lang an Staatsquote abgedrückt hast. Und anlässlich des runden Geburtstags nervt zusätzlich auch noch ein Formular-, Antrags- und Korrespondenz-Marathon um Krankenkassen-Beiträge, berufsständische Versicherungen, betriebliche Altersversorgung, Kredit-Sondertilgungen, Tagegeld-Konten und und und....

Der mit dieser lebensgeschichtlich-persönlichen Zeitenwende zusammenfallende und kollidierende „runde Geburtstag“ macht Pit mitnichten Laune, um ausgelassen einen drauf zu machen. Jetzt auch amtlich abgestempelt und unwiederbringlich Rentner zu sein – das ist wenigstens für Pit und seine ihm bekannten Jahrgangs- und Leidensgenossen nicht unbedingt der rechte Zeitpunkt, um munter im Dreieck zu springen.

Pit hat ja nun auch direkt vor Augen und im Ohr, wohin das Ganze letztendlich führt. Sein Etagen-Nachbar (83), seit mehr als einem Vierteljahrhundert Rentner und vor sechs Jahren Witwer geworden, erlitt nämlich vor wenigen Wochen einen Schlaganfall. Er ist Gottseidank völlig klar im Kopf und Intellekt geblieben, und auch sein Sprach- und Artikulationsvermögen ist voll wieder da. Aber: Ohne Rollstuhl oder Rollator gibt’s für ihn kein Fortkommen mehr. Das Auto wurde verkauft – er kann es nicht mehr steuern. Um die Wohnanlage zu verlassen, braucht er in jedem Fall Hilfe und Begleitung. Selbst das Leeren des Briefkastens ist – wegen der vertrackten Treppenarchitektur des Hauses – für ihn nicht mehr aus eigener Kraft möglich.
Pit hat das Holen der Post übernommen. Und er managt nun auch allein den seit Jahren gepflegten Zeitungsaustausch zwischen den beiden Haushalten. Will heißen: Der Nachbar gibt die von ihm abonnierten FAZ und Neue Presse nach der Lektüre zu Pit rüber und kriegt im Gegenzug „Langener“, Rundschau und Süddeutsche.

Na also, da bekommt doch der immobil gewordene und allein lebende Rentner-Senior, dem der Radius auf wenige Quadratmeter geschrumpft ist, wenigstens von Junioren-Rentner Pit die große, weite, bunte Welt ins Haus geliefert? Ist das nicht ein schöner Ersatz dafür, dass er nicht mehr rausgehen und rausfahren kann?
Mal von Rentner zu Rentner: Pit zweifelt, ob all die Zeitungen und Zeitschriften dem 83-Jährigen das nur ansatzweise leisten können. Beim Durchblättern – nunmehr ja notabene mit dem Blick des frischgebackenen Rentners! - stellt der Ex-Alterszeitler und Sechzigjährige jedenfalls fest: Je älter und unbeweglicher Du wirst, desto mehr sinkt der Gebrauchswert der Printmedien. Ganze Teile und Rubriken bringen’s einfach nicht mehr. Was soll Pits Nachbar mit den Autoseiten anfangen? Wozu taugt ihm, dem Rolli-Piloten, der Reiseteil mit all den formidablen Ausflugs- und Wandertipps? Was sollen ihm die Kinovorschau, das Theater- und Konzertprogramm (mitsamt der dazugehörigen Kritiken), der Veranstaltungskalender für Volksfeste, Flohmärkte & Sommer- und Freiluftfestivals auf irgendwelchen Naturbühnen in irgendwelchen Burgruinen? Dem Überblätter-Effekt zum Opfer fallen auch Kinder- und Jugendbeilagen, Gastro-Kritiken, Modejournale, Horoskop-Leisten. Nicht zu vergessen die riesigen Anzeigenstrecken der Discounter und der Möbel- und Media-Märkte – die wandern gleich in den Papierkorb. Mit dem Rollator lässt sich halt nur sehr, sehr eingeschränkt auf Schnäppchenjagd gehen.

Happy birthday!

 

 

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