Sieben Wochen ohne
Mit Abspecken und dem Verzicht auf die Nervennahrung Schokolade hat Pit es erst gar nicht versucht. Und der gängige Aschermittwochs-Schwur „Jetzt trinke und rauche ich bis Ostersonntag nicht“ kommt für den Jungrentner als „Sieben Wochen ohne“-Fastenzeit-Gelöbnis aus naheliegenden Gründen nicht in Frage. Pit hat nämlich vor 29 Jahren sein letztes Glas Alkohol getrunken und sich seit gut einem Jahrzehnt keine Zigarette mehr angesteckt. Was bleibt da noch an stofflich gebundenen Süchten, denen der Fasten-willige Ruheständler zwischen Karneval und Karwoche abschwören könnte?
Die Antwort findet der erzkatholisch sozialisierte und mit dem im Elternhaus strikt eingehaltenen Fastengebot „Freitags kein Fleisch!“ aufgewachsene Pit nach längerer Gewissensprüfung: Er wird sich rund zwei Monate lang kein neues Buch kaufen!
Dergleichen ist schon eine harte Nummer für den bekennenden Bibliomanen und passionierten Bücherwurm. Dass da mal was geschehen muss – und sei es nur zur Fastenzeit - , ist in Pits Wohnung zu besichtigen. Obgleich er umfängliche Abteilungen seiner Bibliothek - die Psychologielehrbücher und die Francfortensien - bei Bekannten geparkt und untergestellt, zudem Hunderte von Krimis und seine Sammlung 1950er-Jahre-Prosa in den Keller geschafft hat - die an den Wänden des Wohn- und Schlafbereich dicht an dicht stehenden Bücherregale bersten und quellen über von Druckerzeugnissen, die teilweise auch noch – oh welche Sünde wider den rechten bibliophilen Geist! – teilweise in zweiter Reihe versteckelt sind. Mehr noch: Auf allen möglichen Kleinmöbeln (Hocker, Beistelltischchen, Teewagen) und in einigen Ecken der Dachschräge türmen sich zusätzliche Bücherstapel, die mit der Zeit wuchern, wachsen und wackeln.
Augenscheinlich und augenfällig hat Pit auch im frühen Rentneralter noch nicht im Ansatz den Drei-Punkte-„Buchkatalog“ abgearbeitet, den er sich zu Beginn seiner passiven Altersteilzeit (ATZ) vor mehr als drei Jahren ins Stammbuch geschrieben hatte.
Erstens wollte er mehr und neue Regale bauen lassen – das ist weiterhin Projekt. Zweitens sollten überzählige Romane und Sachtitel, „die man doch kein zweites Mal mehr anguckt“, gezielt aussortiert, weiterverschenkt, in Antiquariaten und auf Flohmärkten verhökert werden. Das ist nur ansatzweise geglückt, die Losung „zwei alte Bücher raus für jedes neue“ mitnichten eingehalten worden. Die Wahrheit liest sich anders: Für jedes ausgemusterte Buch kamen mindestens drei Neuerscheinungen wieder rein.
Zum dritten schließlich gab’s die die Leseratte Pit beglückende Rentner-Perspektive „Jetzt habe ich endlich Zeit, mir all die vielen, vielen guten Bücher, die bislang liegengeblieben sind, in Ruhe und in Muße vorzunehmen!“ Auch das hat nicht wirklich geklappt.
Schlimmer noch: Pit nutzte die gewonnene Zeit zum zusätzlichen Stöbern, zu ausgiebigen Antiquariatsrecherchen, zu gemütlichen Shoppingtouren durch die Buchhandlungen seines Vertrauens. Die jeweilige reiche Ausbeute landete wieder auf dem Stapel der leider nun ja - wegen der zeitraubenden Jäger-und-Sammler-Expeditionen!- wieder mal nicht gelesenen „gut abgehangenen“ Alt-Literatur.
Mit dem Fastenzeit-Vorsatz „Sieben Wochen ohne neues Buch“ schlägt Pit, so sein Kalkül, denn auch zwei Fliegen mit einer Klappe. Es kommt zum einen nix Neues zum immensen alten Lesepensum hinzu, zum anderen schafft er sich Luft, mal kräftig was wegzulesen.
Wie ist das gelaufen?
Pits Schlussbilanz am Ende dieser Fastenzeit fällt, was seine guten Vorsätze betrifft, eher mager und durchwachsen aus. Viele potentielle Buchkäufe ließen sich nur durch eine Art Suchtverschiebung vermeiden. Sprich: Pit las exzessiv die zuhauf wegen der Lepiziger Buchmesse erscheinenden Literaturbeilagen der Tagespresse und machte sich dabei umfängliche Einkaufslisten für die Zeit danach. Der so sehenden Auges programmierte Jo-Jo-Effekt kommt bestimmt – allein schon deswegen, weil Pit sich von seiner lieben Frau und allen, die ihn Ostern beschenken, ausschließlich Bücher gewünscht hat. Und: Dass der Osterhase ihr, Pits Ehefrau, eine Reihe von Büchern ins Nest legt, die er, der bibliomane Rentner, selbst gerne lesen täte.....
Auch die für die Fastenzeit fest vorgenommene Lektüre-Aufholjagd fand nicht statt. Pit hat sich während der sieben Wochen nicht über die sich Jahr um Jahr stapelnden, noch nicht gelesenen Bücher hergemacht. Er hat vielmehr allerlei Junkie-Tricks aufgeboten, um sich da selbst ein Schnippchen zu schlagen und an neuen druckfrischen, ungelesenen Stoff zu geraten. Local dealer sind dabei die vier Stadtbüchereien (Stabüs), bei denen Pit registrierter Nutzer ist. Diese öffentlichen Bibliotheken hat er unter heftigstem Suchtdruck, Schmacht und Jieper nach Neuerscheinungen abgegrast, sich die im Dutzend ausgeliehen, heimgeholt und zu lesen begonnen. Wenn man so will: Stabü-Methadon statt harter Buchhandlungsdroge.
Ähnlich „legal“ kommt auch eine weitere Art des Pit’schen Fastenbrechens daher. Der Rentner ist nämlich Mitglied bei drei Buchklubs (Bertelsmann, Büchergilde, Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Und bei all diesen waren – ein Schelm ist, wer sich Böses dabei denkt – just während der Fastenperiode die obligatorischen Quartals-Pflichteinkäufe fällig. Was für ein Pech: Dem „pflichtbewussten“ Pit blieb also gar nichts anderes übrig, als die in den einschlägigen Filialen zu tätigen und zuzuschlagen......
Einer dieser Pflichteinkäufe führt den „sieben Wochen ohne“-Fighter übrigens dann durch reinen Zufall („lag auf dem Weg“) an dem großen Frankfurter Buchkaufhaus nahe der Hauptwache vorbei. Und da löckt und lockt gleich die Versuchung auf der Straße - in Grabbelkisten und auf Auslagetischen. Da gibt’s traumhafte Rabatte für Sachbuch-Standard-/Spitzentitel, die im Laden einst unter einem Fuffi-Euroschein nicht zu haben waren und jetzt hier draußen vor der Tür als „einstellig vorm Komma“ ausgepreist sind. Solch ein Schnäppchen kommt vielleicht nie wieder – da geht es dem Pit wie dem Schluckspecht, der im Getränkemarkt seinen Lieblings-Whiskey um deutlich mehr als die Häfte runtergesetzt sieht. Er wird ganz einfach schwach und deckt sich kräftig ein.
Wir sind halt alle kleine Sünderlein.