Pits Blog --- der achtzehnte
Pits Blog --- der achtzehnte --- 27. Juni 2010


Xundheit


Sein ganzes erwachsenes Leben lang hat Pit auf die Begrüßungsformel „Wie geht’s?“ wie aus der Pistole geschossen mit zwei vorgestanzten Sprüchen reagiert: „Langsam aber sicher“ und „Noch gut“. Die Abfolge gehört(e) zum Repertoire und wird mittlerweile von denen, die Pit schon länger kennen, auch schon regelrecht erwartet. Wobei allen Beteiligten bei diesem abgespulten, gewollt ironisch gebrochenen Frage-Antwort-Ritual klar ist: Eigentlich will es keiner so genau wissen, was den andern plagt, wie er sich fühlt, was ihn bedrückt, von welchen Krankheiten er heimgesucht wird.
Pit macht da keine Ausnahme. Was hat es ihn vor seiner Altersteilzeit doch genervt, wenn Ältere und Rentner auf die von ihm gestellte „Wie geht’s?“-Frage doch tatsächlich mit Informationen rüberkamen! Die Ihm – ausgerechnet IHM, der doch so heftig im Job und unter Terminstress stand! - ihre Krankheitsgeschichten aufdrängten, medizinische Bulletins absonderten und sich in epischer Länge über Diagnose und Therapie ihrer diversen Wehwechen und Gebresten verbreiteten. Und dann auch noch meldeten, wer jetzt wieder das Zeitliche gesegnet hat aus dem Kreise der Bekannten, Freunde,Verwandten, Nachbarn. „Eure Sorgen möchte ich mal haben“, hat sich Pit gedacht.

Jetzt hat er sie. Jetzt macht er als Jungrentner in den angeblich „besten Jahren“ die Erfahrung, wie ein bislang leidlich so quasi nebenbei funktionierender Körper auf einmal ein gut Teil des Verhaltens und Erleben bestimmt. Das fängt damit an, dass Pit vor einigen Monden von seiner lieben Frau eine Pillenbox geschenkt bekam, in der die drei Gefache mit der jeweiligen Tageszeiten-Ration an Blutdruck-, Fettsäure-, Prostata-Tabletten aufgefüllt werden. „Damit Du nicht durcheinander kommst und das Zeug auch pünktlich schluckst.“
Und er soll ja auch als älterer Mensch so täglich seine zwei bis drei Liter Wasser trinken. Pit tut das geflissentlich, muss aber jetzt bei all seinen Ausflügen in die große Stadt, bei Shopping-Touren im heimischen Städtchen oder bei mehreren aufeinander folgenden Ehrenamts-Terminen an wechselnden Orten immer im Kopf haben, wo er das gehorsamst getrunkene Wasser auch abschlagen kann. Da konstelliert sich mit der Zeit und unter Blasendruck ein ganz eigener Stadtplan, ein „mind map“ sozusagen, auf dem nicht die öffentlichen Gebäude und Plätze, sondern im Geiste die WC-Standorte besonders markiert sind... Früher, als Pit mit der Schule, der Uni, dem Arbeitsplatz feste Anlaufstellen hatte, gab es dergleichen Toilettenprobleme nicht.

Doch früher war bei weitem nicht alles besser. So hatte Pit als Knirps und Teenager eine Reihe xundheitlicher Probleme, die es in sich hatten. Um nur zwei aus den 1950er und 1960er Jahren zu nennen: ein Keuchhusten der übelsten Sorte und ein „nervöser Magen“, der sich besonders morgens vor der Schule als Bauchgrimmen artikulierte. Der Rentner Pit muss nun aber nicht mehr in die Schule und die Zeit der lebensbedrohlichen Atemwegsinfekte ist für ihn schon seit einem halben Jahrhundert passé. Dennoch sind ausgerechnet diese beiden Kinderkrankheiten im ersten Ruhestandsjahr mit Macht und mit Wucht wiedergekehrt – als Bronchitis hoch drei und als Enzymstörung der Bauchspeicheldrüse, die die Fettverdauung für Wochen nahe Null stellte.

Auch Neues kommt hinzu. Der seines Wissens nach von Geburt an Allergie-freie Pit muss erst Pensionär werden, um eine Nesselsucht (Urticaria) am eigenen Leibe zu erleben – mit beängstigenden Quaddeln, Pusteln und Placken, die aus heiterem Himmel zu erblühen scheinen. Langwierige Untersuchungen ergeben eine Unverträglichkeit mit „Aspirin plus einem Stoff X“. Die unbekannte Substanz müsste indes mit möglicherweise hunderten von teuren Tests herausgefiltert werden, sodass für Pits restliches Leben nur die vom Doc ausgegebene pragmatische Parole „Nie wieder Aspirin!“ bleibt.

Neu auf dem Einkaufszettel stehen indes andere Apotheken- und Drogeriewaren, die Pit bislang nur vom Hörensagen kannte. So beispielsweise die vom Dermatologen seines Vertrauens empfohlene Lotion wider den bis dato in Pits Leben unbekannten Juckreiz an Beinen und Füßen. Diagnose und Therapie des Medizinmannes: „Nein, Sie haben keine Krätze! Das ist einfach nur trockene Haut! Was, sie cremen sich nicht ein? Noch nie? Na, dann müssen Sie sich aber nicht wundern…“
Das flüssige Kosmetikum wirkt Wunder – ebenso wie ein auf Harnstoff basierendes Shampoo, das dem kurz vor Pits 61. Geburtstag erstmals aufgetretenem Kopfhaut-Jucken den Garaus bereitete. „Nein, nein…Keine Kopfläuse! Nur ein trockenes Skalp!“ Ja, Pit ist ein guter Kunde beim Hautarzt geworden…

Und Stammgast bei Physiotherapeuten, die sein Kraft- und Rückentraining moderieren, seine Muskulatur coachen und Verspannungen durch kernige Massagen aufzulösen trachten. Das sind durch die Bank junge Leute, die Pits body in Facon bringen und selbigen fit und mobil zu halten versuchen. Und gerade diese sportiven Menschen verschaffen ihm, der in Sachen Xundheit ja nun das Alter zu spüren bekommt, eine mentale Frischkur eigener Art. Denn man höre und staune: Just das orthopädische Trainings- und Fachpersonal fällt zurzeit reihenweise und überzufällig gehäuft aus. Da klemmt’s an der Halswirbensäule. Da hat’s einen Bandscheibenvorfall. Da reißt ein Kreuzband. Da gibt’s Meniskus-Ärger. Da entzündet sich eine Sehne. Da schießt die Hexe.
Für den bekennenden Hypochonder und unter Altersgebresten leidenden Jungrentner Pit ist solches Leid der Nachkömmlinge ein rechter Trost & Muntermacher und eine Perspektive für seinen künftigen Lebensweg. Es bewahrheitet sich wieder einmal augenfällig eine uralte Erkenntnis der Gattung Mensch:

Auch die Gesunden sterben.

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